30 Jahre Frauenhaus

Drei Jahrzehnte für Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt wurden, 30 Jahre Engagement für geschlagene, bedrohte und diskriminierte Frauen mit ihren Kindern. Das ist die Bilanz des Celler autonomen und anonymen Frauenhauses in diesem Jahr. In dieser Zeit hat sich das Celler Frauenhaus vom einstmals mißtrauisch beobachteten, ausgegrenzten, ja sogar bekämpften Projekt zu einer akzeptierten und anerkannten Institution entwickelt. Darauf können wir stolz sein und uns so auch in unserer Stadt präsentieren.

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Die Grußworte von Oberbürgermeister Mende und Landrat Wiswe zeigen die Akzeptanz der Frauenhäuser und die Bereitschaft zu einer weiteren Unterstützung.
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Auch die Gleichstellungsbeauftragten aus Stadt und vom Landkreis gratulierten zum Jubiläum. Hier Frau Lüters (Stadt Celle) mit der Vorsitzenden des Frauenhaus e. V. Amei Wiegel

Eine großzügeige Spende brachten der Lions Club Celle-Residenzstadt mit. Jutta Krumbach und Florian Krause überreichten den Scheck an Amei WiegelDer Blick auf die Würde einer geschundenen, verfolgten und diskriminierten Frau war in den Anfängen des Celler Frauenhauses ein deutlich anderer. Die „Arbeitsgemeinschaft deutscher Frauen- und Kinderschutzhäuser“ verbreitete  1981 die Auffassung, dass „ mißhandelte Frauen in der Mehrzahl unfertige, labile und unentschlossene Frauen“ seien. Den damals entstehenden autonomen Frauenhäusern warf die Arbeitsgemeinschaft vor, sie verleiteten die schutzsuchenden Frauen dazu, den Familienzusammenhalt zu zerstören. Schutzhäuser, die unter dem Dach einer Wohlfahrtsorganisation arbeiteten, fanden eher Anerkennung.
So auch in Celle.

Nach einem Dreivierteljahr Diskussion unter einer Handvoll engagierter Frauen entstand im November 1983 das Frauenhaus Celle, dazu wurde ein Verein gegründet, damit man unabhängig  arbeiten konnte-  autonom, sprich selbstverwaltet –  nichts anderes bedeutet nämlich der Begriff  autonom.Ausschließlich mit Spenden, geschenkten Möbeln und ehrenamtlichem Einsatz entstand eine Anlaufstelle für geschlagene Frauen – und sie wurde sofort in Anspruch genommen. Um finanzielle Unterstützung mussten die Frauenhaus Aktiven jahrelang kämpfen, dann kam erstmals ein spärlicher Zuschuß von der Stadt, das Arbeitsamt genehmigte eine befristete  Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.

Die Stadt engagierte sich damals allerdings für eine alternative Unterbringung für schutzsuchende Frauen – unter dem Dach einer Wohlfahrtsorganisation, versteht sich. Diese wurde auch großzügig finanziert.
Die autonomen Frauen kämpften weiter um Gelder und Anerkennung. Obgleich auch dann auf Landesebene die Frauenhäuser anerkannt und finanziert wurden, dauerte es in Celle sieben Jahre, bis die ideologischen Anfeindungen und das politische Misstrauen überwunden werden konnten.

Seitdem finden bei uns Jahr für Jahr zwischen 60 und 80 Frauen und Kinder Zuflucht und Unterstützung. Das sind, aufgerechnet auf drei Jahrzehnte, ein kleiner Stadtteil von Celle. Sie werden heute ausschließlich von ausgebildeten Kräften betreut, ihnen wird Hilfe zur Selbsthilfe angeboten, sie verbleiben im Schnitt drei Monate im Haus bis sie einen Weg für sich gefunden haben.
Dieser Weg führt sie zu über 80 % in ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben, weg von der früheren Gewaltbeziehung. Diese Zahl ist der Lohn für unser Engagement, sie macht uns stolz und spornt uns an – die Mitarbeiterinnen im Haus und die Frauen im Vereinsvorstand.

Damals wie heute gibt es unseren Notruf, rund um die Uhr- übrigens seit 30 Jahren mit derselben Rufnummer. Dem Mitarbeiterteam kann nicht oft genug gedankt und hohe Anerkennung ausgesprochen werden für diese Arbeit, die sie ehrenamtlich leisten.

Und heute?

Beide Einrichtungen arbeiten immer noch, sie werden finanziert von Land, Kommune und Landkreis. Die Arbeit wird inzwischen anerkannt und die Notwendigkeit der Einrichtungen ist unbestritten.
Die gesetzlichen Grundlagen haben sich deutlich verbessert.
Gewaltschutzgesetz, die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe, der eigenständige Aufenthaltsstatus von ausländischen Ehefrauen – das alles sind Verbesserungen, die das Thema deutlich benennen und klarmachen, dass diese unsere  Gesellschaft häusliche Gewalt nicht akzeptiert.
Die Finanzierung hat sich verbessert in den zurückliegenden Jahrzehnten, obgleich die Schutzeinrichtungen noch immer deutlich unterfinanziert sind und mit der Pflicht zur jährlichen Antragstellung gleichgestellt werden mit Projekten. Projekte sind kurzfristig angelegt, die Frauenhäuser arbeiten seit Jahrzehnten!
Die Betreuung von Frauen und Kindern im Frauenhaus ist professioneller – heute arbeiten nur ausgebildete Fachkräfte bei uns.
Das Problem häuslicher Gewalt wird inzwischen ein wenig mehr herausgeholt aus der  Tabuzone als früher. Es wird stärker darüber berichtet, Filme und TV-Sendungen sprechen es an.

Und trotzdem kommen Jahr für Jahr die Frauen und Kinder in unser anonymes Frauenhaus. Die Aufnahmezahlen sind eher gestiegen  Immer wieder kommt es vor, dass im Haus kein Platz frei ist. Dann müssen Ausweichlösungen gesucht und in andere Einrichtungen weitervermittelt werden.
Im Durchschnitt halten es Frauen sieben Jahre in einer Gewaltbeziehung aus, bevor sie sich trauen auszubrechen. Jede vierte Frau in Deutschland hat in ihrem Leben schon Gewalt erfahren.
Bei aller Verbesserung der Rahmenbedingungen für unsere Arbeit gegen häuslichen Gewalt. Sie ist auch heute noch mitten unter uns. Sie ist kein „Randgruppenproblem“, wie es gerne abgetan wird, sie ist kein „Unterschichtenthema“, wie es oft in Gesprächen erzählt wird und sie ist kein Problem das vor allem unsere Mitbürgerinnen mit Migrationshintergrund zutrifft. Die jährlichen Statistiken sprechen eine andere Sprache.

Warum also muss wie vor 30 Jahren Frauen Schutz geboten werden in einem Haus mit geheim gehaltener Adresse, müssen Frauen und Kinder sich verstecken vor Männern, die Gewalt für ein legitimes Mittel des Stärkeren halten, die ihre Machtansprüche mit Schlägen, Drohungen und Vergewaltigung ausleben?
Viele Frauen, die Annette Schiffmann für die Ausstellung „Die Hälfte des Himmels“ interviewt hat, sprechen es aus: „Wenn doch nur die Menschen nicht immer Macht haben und Macht ausüben wollten, dann wäre auch Gewalt kein Thema mehr.“
Ein frommer Wunsch, meinen sicher viele, der aber wenig mit der Realität zu tun hat.
Das ist wohl richtig.
Aber ist das die ganze Antwort?
Vor 30 Jahren war es legitim, dass Kinder von Erwachsenen „gezüchtigt“ wurden, wie man es nannte. Eltern wurden nicht belangt, wenn sie ihre Kinder schlugen.
Das wird heute nicht mehr akzeptiert – und das ist gut so.
Wann ist es in unserer Gesellschaft so weit, dass Gewalt die gegen Frauen ausgeübt wird von Vätern, Brüdern, Ehemännern oder Partnern, nicht mehr geduldet wird?

Das sollte das Ziel sein für die nächsten 30 Jahre. Häusliche Gewalt wird geächtet, sie muss inakzeptabel werden, ihre Ablehnung muss so selbstverständlich werden wie das heutige Rauchverbot im Restaurant. Schlagende Männer müssen soviel öffentliche Verachtung erfahren wie heute Kinderschänder.
Die Gesetze dazu sind da.  Sie müssen nur gemeinsam noch mehr ausgefüllt und angewendet. Helfen Sie mit, dieses Ziel zu erreichen! Werden Sie zu Verbündeten!
In der täglichen Arbeit hat das Frauenhaus heute schon starke Verbündete. Da ist die Polizei, ganz besonders die Celler Polizei, Jugendamt und Jobcenter, Ärzte, Anwältinnen, Schulen und Kitas, die Opferhilfe Lüneburg. Das ist gut und das tut den Frauen gut. Das stärkt die Arbeit gegen Gewalt.
Aber ist eine Stigmatisierung der häuslichen Gewalt wünschenswert, noch mehr Hinschauen und öffentliches Anprangern, noch mehr Ablehnung von Gewaltstrukturen in unserer Gesellschaft und in unseren Familien.

Wünschenswert ist  auch mehr Ansprache an und Arbeit mit den Tätern. Auch sie brauchen oft Hilfe, zumindest Hilfsangebote und professionelle Wege aus dem Gewaltverhalten heraus.
Diese Arbeit können allerdings die Frauenhäuser nicht auch noch leisten. Dazu sind wir Tag für Tag zu gefordert für die Frauen.
Die Frage nach „Männerhäusern“ wird oft gestellt. Ja, sie machen wohl Sinn, Männer tun sich noch viel schwerer, zuzugeben, dass die von Frauen geschlagen und misshandelt wurden. Allerdings müssen wir auf die real existierende Statistik schauen: Mehr als 90 % der häuslichen Gewalt geht von Männern aus.

Die Arbeit ist auch nach 30 Jahren noch nicht getan. Sie bedeutet täglichen Einsatz und Beharrlichkeit. In diesem Bewusstsein ziehen wir vor den mutigen Celler Frauen von 1983 den Hut und danken ihnen für ihren Einsatz unter ungleich schwierigeren Verhältnissen.
Nur wenige Frauen aus den Anfangstagen sind noch mit dabei. Stellvertretend möchte ich die langjährige Leiterin und Vorsitzende des Frauenhauses, Renate Linde, ehemals Krepela nennen. Zu den Mitbegründern gehören auch Godula Hepper, Joachim Schulze, aktive Kommunalpolitiker aus der SPD bis in die heutigen Tage.

Vor 10 Jahren wurde das Frauenhaus neu aufgestellt. Mit der damaligen Vorsitzenden, Kathrin Schmandt-Rommel wurde unsere Einrichtung professionalisiert, auf gesunde finanzielle Beine gestellt und von ihr mit hoher Kompetenz organisiert. Von ihr ging die Idee aus, zur Stärkung der Einrichtung eine Stiftung ins Leben zu rufen und mit kraftvoller Öffentlichkeitsarbeit dafür Spenden zu sammeln. Sie hat damit vorbildhaft begonnen und den Grundstein gelegt für die Stiftung Frauenhaus Celle, die vor zwei Jahren gegründet wurde. Gerne hätten wir sie bei diesem Jubiläum dabei gehabt, aber wir mussten vor einigen Wochen Abschied von ihr nehmen.

Ein Projekt der Stiftung ist die Beratungsstelle FEROXIA, in der kostenfreie und anonyme Beratung für Frauen angeboten wird, unabhängig von politischer, religiöser oder nationaler Zugehörigkeit. Die Beratung ist kostenfrei und anonym.

Der Dank des Frauenhauses gilt den Spendern, von der Sachspende – Kleidung, Eintrittskarten, Lebensmittel, Möbel, bis hin zum Geld. Von den zahlreichen spendablen Unternehmen und Organisationen werden an dieser Stelle nur einige genannt. So die Soroptimistinnen, Lions, die Landfrauen im Kreis Celle, die Mitarbeiter der SVO oder flow consulting. Die Auszubildenden des Edeka auf dem Telefunkengelände ebenso wie die Schülerinnen und Schüler des „Run for Life“ am Ernestinum.
Ein herzlicher Dank geht auch an die Mitarbeiterinnen des Frauenhausteams, die sich für die Bewohnerinnen engagieren.